Das Churer Modell –
Lernen mit Freiheit und Struktur
Wie kann Unterricht so gestaltet werden, dass Kinder und Jugendliche zunehmend selbstständig lernen und zugleich die Orientierung und Begleitung erhalten, die sie brauchen?
Mit dieser Frage beschäftigt sich das Churer Modell, das von dem Schweizer Pädagogen Reto Thöny entwickelt wurde.
Der Klassenraum wird zur Lernlandschaft
Ein wichtiger Gedanke des Churer Modells lautet: Der Raum wirkt als „dritter Lehrer“ mit. Deshalb gibt es nicht nur feste Sitzreihen. Der Klassenraum wird als Lernlandschaft gestaltet und bietet unterschiedliche Plätze für Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit.
Ein zentraler Ort bleibt der gemeinsame Sitzkreis. Hier beginnt der Unterricht mit einer kurzen Einführung. Die Lehrkraft stellt neue Inhalte und die anstehenden Lernaufgaben vor und schafft damit die Grundlage für die anschließende selbstständige Arbeitsphase.
Das Leitmotiv lautet:
„So viel Anleitung wie nötig, so viel Selbsttätigkeit wie möglich.“
Lernwege selbstständig gestalten
Im Mittelpunkt stehen sogenannte Lernaufgaben. Sie werden so vorbereitet, dass unterschiedliche Lernwege und Anforderungsniveaus möglich sind. Die grundlegenden Ziele und Anforderungen bleiben dabei für alle transparent.
Nach der gemeinsamen Einführung arbeiten die Schülerinnen und Schüler zunehmend selbstständig. Sie können – innerhalb des vereinbarten Rahmens – Aufgaben, Arbeitsplatz und Lernpartner wählen und lernen dabei auch einzuschätzen: Was kann ich schon? Was fordert mich heraus? Wo brauche ich Unterstützung?
Die Lehrkraft verändert in diesen Phasen ihre Rolle. Sie beobachtet, begleitet und berät, gibt individuelle Hilfestellungen und führt mit den Schülerinnen und Schülern Lernreflexionen durch.
Freiheit braucht Orientierung
Selbstständiges Lernen bedeutet dabei nicht, die Kinder sich selbst zu überlassen. Klare Regeln, wiederkehrende Rituale und ein verlässlicher Umgang mit Materialien und Lernräumen geben Sicherheit und Orientierung.
Innerhalb dieses Rahmens entstehen Freiräume: Kinder können in ihrem eigenen Tempo arbeiten, sich gegenseitig unterstützen und Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen. Dabei können sich immer wieder neue Lerngemeinschaften bilden.
So verbindet das Churer Modell Freiheit und Struktur, Individualität und Gemeinschaft sowie selbstständiges Lernen und verlässliche Begleitung.
Lernen aus eigener Motivation
Die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen und den persönlichen Lernfortschritt wahrzunehmen, kann die Motivation und Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler fördern.
Diese Gedanken finden sich auch in der Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan. Sie beschreibt insbesondere Autonomie, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit als wichtige psychologische Grundbedürfnisse.
Auch die Reflexion des eigenen Lernens erhält im Churer Modell einen hohen Stellenwert. Die Schülerinnen und Schüler sollen zunehmend lernen, ihre Fähigkeiten, Herausforderungen und Fortschritte selbst einzuschätzen.
Für die Lehrkräfte bedeutet diese Form des Unterrichtens einen Wechsel zwischen unterschiedlichen Rollen: Sie geben Impulse, schaffen einen verlässlichen Rahmen, beobachten, beraten und unterstützen – und begleiten die Kinder und Jugendlichen auf ihrem individuellen Lernweg.
Quellen und weiterführende Literatur:
- Lutz, K. & Thöny, R. (2024): Das Churer Modell. Dem Lernen Raum geben. Bern: hep Verlag AG.
- Hüther, G. & Hauser, U. (2012): Jedes Kind ist hoch begabt. Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen. München: Goldmann.
- Deci, E. L. & Ryan, R. M. (2000): „The ‘What’ and ‘Why’ of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior.“ Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.
- Hattie, J. (2013): Visible Learning: A Synthesis of Over 800 Meta-Analyses Relating to Achievement. London: Routledge.
Das Churer Modell in der Praxis –
Interview mit Daniel Walter, Klassenlehrer
Daniel Walter unterrichtet eine Klasse mit 33 Kindern nach dem Churer Modell. Im Interview erzählt er, wie das im Schulalltag aussieht — und womit ihn die Kinder überrascht haben.
Wenn man unangekündigt in deinen Unterricht kommt – was würde mir als Erstes auffallen, das hier anders läuft?
Wahrscheinlich würde zunächst die Gestaltung des Klassenraums auffallen. Die Kinder sitzen nicht während des gesamten Unterrichts an einem festen Platz und schauen nach vorne.
Wir beginnen häufig gemeinsam im Kreis. Nach einer kurzen Einführung wählen die Schülerinnen und Schüler einen passenden Arbeitsplatz und bearbeiten ihre Aufgaben weitgehend selbstständig.
Dabei entsteht Bewegung im Raum, aber nicht automatisch Unruhe. Die Kinder wissen, was sie tun sollen und wo sie die benötigten Materialien finden. Auch meine Rolle verändert sich.
Ich stehe nicht ständig vorne und steuere jeden einzelnen Schritt, sondern begleite die Kinder gezielter. Gerade bei einer Klasse mit 33 Kindern ermöglicht mir das, einzelne Schülerinnen und Schüler wesentlich besser wahrzunehmen.
Mehr Freiheit für die Schülerinnen und Schüler bedeutet auch ein Stück Kontrolle abzugeben. Wie fühlt sich das als Lehrkraft an – und womit haben dich die Kinder dabei schon überrascht?
Am Anfang ist das durchaus ungewohnt. Als Lehrkraft hat man schnell das Gefühl, einen guten Unterricht daran zu erkennen, dass alle Kinder gleichzeitig dasselbe tun. Das vermittelt zunächst Sicherheit. Allerdings bedeutet Gleichzeitigkeit nicht automatisch, dass auch alle Kinder wirklich lernen.
Beim Churer Modell gibt man einen Teil dieser äußeren Kontrolle ab. Dafür übernehmen die Kinder mehr Verantwortung für ihr eigenes Lernen. Das funktioniert natürlich nicht von heute auf morgen. Freiheit braucht einen klaren Rahmen, feste Abläufe und verlässliche Regeln.
Überrascht haben mich die Kinder vor allem durch ihre oft sehr passenden Entscheidungen. Manche suchen sich bewusst einen ruhigen Arbeitsplatz, andere arbeiten lieber mit einem Partner. Auch Kinder, denen man diese Selbstständigkeit zunächst vielleicht nicht zugetraut hätte, gehen erstaunlich verantwortungsvoll mit den Möglichkeiten um.
Sie helfen sich gegenseitig und entwickeln zunehmend ein Gespür dafür, unter welchen Bedingungen sie gut lernen können.
Gab es einen Moment, in dem du dachtest: „Genau deshalb funktioniert das Churer Modell“? Was ist da passiert?
Ein solcher Moment entsteht für mich immer dann, wenn die Kinder nach einer gemeinsamen Einführung selbstständig in die Arbeitsphase wechseln. Sie suchen sich ihre Aufgaben und Arbeitsplätze, beginnen zu arbeiten und benötigen nicht für jeden Schritt eine weitere Aufforderung.
Besonders deutlich wurde mir das, als ich mich längere Zeit intensiv um eine kleine Gruppe kümmern konnte. Währenddessen arbeitete der Rest der Klasse weiter. Es entstand keine Leerlaufzeit und ich musste die anderen Kinder nicht ständig aus der Entfernung steuern.
In diesem Moment wurde sichtbar, dass die gewonnene Freiheit nicht nur den Kindern hilft. Sie ermöglicht mir als Lehrer, genauer hinzuschauen und dort zu unterstützen, wo Hilfe tatsächlich benötigt wird.
Was macht das Churer Modell für den Unterricht an einer Waldorfschule besonders interessant?
Das Churer Modell und die Waldorfpädagogik gehen zunächst von einem ähnlichen Gedanken aus. Nicht der Stoff, sondern das Kind und seine Entwicklung stehen im Mittelpunkt. Kinder lernen unterschiedlich schnell, benötigen unterschiedliche Zugänge und entwickeln sich nicht alle zur gleichen Zeit auf dieselbe Weise.
Gleichzeitig lebt der Waldorfunterricht stark von der Klassengemeinschaft, vom gemeinsamen Rhythmus, vom Erzählen und von künstlerischen Erfahrungen. Diese Elemente würde ich nicht aufgeben wollen. Das Churer Modell ersetzt sie auch nicht. Es ergänzt sie besonders in den Übungs- und Arbeitsphasen.
Für mich liegt genau darin die Stärke. Wir können gemeinsam in ein Thema eintauchen und anschließend den Kindern mehr Verantwortung für ihren eigenen Lernweg geben. Die Lehrkraft bleibt dabei wichtig, aber ihre Rolle verändert sich. Sie wird stärker zur Lernbegleitung. Das passt sehr gut zu einer Pädagogik, die Kinder nicht nur unterrichten, sondern Schritt für Schritt zur Selbstständigkeit führen möchte.
Direkter Kontakt
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