Abschlussfeier 2025
Am Freitag, den 27.06.2025 feierten wir eingeleitet von einem musikalischen Solostück durch Frau Martina Veit 12 erfolgreiche Abiturienten sowie 17 Schülerinnen und Schülern, die erfolgreich den HSA- oder MBA-Abschluss erlangt haben.
Traditionell wurden liebevoll gebundene Blumensträußchen durch die erste und zweite Klasse auf die Bühne gebracht.
Besonders ergreifend waren die beiden Abiturreden durch Ananya Zölke (Abiturnote 1,0) sowie Martha Lottmann (Abiturnote 1,3), in der auf die schöne Gemeinschaft an der Schule rückgeblickt wurde und die Besonderheiten der Waldorfschule gewürdigt wurden.
Darüber hinaus gab es auch Blumen für Frau Heike Henrich, die als Elternteil die Schule verlassen wird und sehr viel Herzblut in den Basarkreis und die Betreuung der Oberstufenschüler gesteckt hat.
Am Ende der Feier stand auch die Verabschiedung der Kolleginnen Martina Veit und Sabine Lüdtke-Becker sowie Herrn Gerold Laininger durch Herrn Dieter Petsch als Moderator auf dem Programm.
Wir gratulieren unseren Absolventinnen und Absolventen ganz herzlich und wünschen alles Gute für die Zukunft.
Die Abiturreden finden Sie hier:
Abiturrede von Ananya Zölke
Wie fängt man so eine Rede an? Eine Abschlussrede. Abiturrede gar. Was will das Publikum hören und was soll über uns in Erinnerung bleiben?
Häufig geben sich Redner viel Mühe, ihre Einzigartigkeit zu betonen und sprechen über all das, was sie von anderen abhebt. Das könnte ich problemlos auch tun. Die Individualität eines jeden Einzelnen von uns könnte eine eigene Rede füllen. Und auch als Klasse macht uns sicher einiges besonders. Oder hat sich vor uns jemals ein Jahrgang mit farbigen Fußabdrücken an der Decke und den Wänden des Klassenraums verewigt?
Ich könnte all die Gründe nennen, die uns zur besten Klasse aller Zeiten machen (denn das sind wir zweifellos). Aber heute, liebe Schüler*innen, die ihr noch wenige oder einige Jahre an diesem Ort vor euch habt, liebe Lehrer*innen, liebe Eltern und auch sonst liebe Anwesenden, möchte ich etwas anderes ins Scheinwerferlicht rücken (und das meine ich wörtlich, ich bin gerade ganz schön geblendet).
Denn obwohl eine gewisse Konkurrenz zwischen Jahrgängen oder Schüler*innen zuweilen Spaß machen kann, bin ich überzeugt, dass wir zu selten feiern, was uns vereint. Ja, unsere Gemeinsamkeiten sind genauso wertvoll wie unsere Eigenarten, auch wenn uns diese hyperindividualisierte Welt das oft vergessen lassen will.
Die Schönheit der Kollektivität wird heute und auf dieser Bühne bestrahlt. Wir stehen hier nämlich nicht alleine. Diese Bühne wurde vor etwa Jahren gebaut und vor uns haben bereits Klassen genau hier ihr Abiturzeugnis entgegengenommen. Somit reihen wir uns mit all unseren Erfahrungen, Erlebnissen, Lektionen und ja, manchmal auch Frustrationen in die Tradition einer Schule ein, die ihren Wert im gemeinsamen Schaffen gründet. Eine Schule, die uns Lehrer gegeben hat, denen wir nicht egal waren. Frau Lorenz, unsere erste Klassenlehrerin, Herr Massone, unsere späteren Klassenbetreuer und auch unsere anderen Lehrer vereint, dass sie nicht bloß gelehrt, sondern selber auch gelernt haben.
Sie haben uns Grenzen aufgezeigt, aber sie auch verschieben lassen, wenn es notwendig war. Uns wurde nicht beigebracht, wer wir sind, uns wurde Raum geboten, das selbst zu entdecken.
Die Tiere auf unserem Schulbauernhof hätten sicher nicht durch unseren beizeiten fahrlässigen Tierdienst alleine überlebt. Nur durch die gemeinsame Fürsorge einer ganzen Schulgemeinschaft war das möglich, auch wenn dem legendären Herrn Marchetti und seinem Schlepper in diesem Zusammenhang besonders viel Anerkennung gebührt.
Denke ich zum Beispiel zurück an die Präsentationen unserer Jahresarbeiten der achten Klasse, so ist hängen geblieben, wie sehr wir alle für den Erfolg unserer Klassenkamerad*innen gefiebert haben.
Obwohl jeder alleine auf die Bühne musste, hinter jedem einzelnen standen metaphorisch etwa 25 13-14-Jährige, die auf das Beste hofften.
Und unser Achtklassstück „All Inclusive – Voll der krasse Krimi“ war nicht etwa langweilig, weil schließlich jedes Jahr eines aufgeführt wird.
Die Klassenspiele sind so besonders, weil jede 8. und 12. Klasse aufs Neue ihr Bestes gibt, denn sie wurde durch all die Theater vorangegangener Jahrgänge inspiriert – auch wenn die coronabedingte Auflage von 5 Metern Abstand zwischen allen Darstellern während unserer ersten Theaterzeit tatsächlich ein ganz außergewöhnlicher Umstand war.
Apropos „Corona“, das böse Wort. Ich weiß nicht, wie es meinen Klassenkamerad*innen oder den anderen Schüler*innen erging, aber für mich war die soziale Isolation das Schlimmste an der Pandemie. Der Mangel täglicher Begegnungen – und waren diese von Zeit zu Zeit noch so nervenaufreibend – hat eine große Lücke in den Erfahrungen dieser Jahre hinterlassen. Es hat sich aufs Neue der unschätzbare Wert menschlicher Beziehungen bewiesen.
Bedenken wir nun, dass unsere Schulzeit nicht bloß von der Geschichte dieser Schule, sondern auch noch von der Geschichte einer ganzen Bewegung, namentlich der Anthroposophie geprägt wurde, wirkt das Fundament, auf dem wir groß geworden sind, noch merklich massiver.
1919 wurde die erste Waldorfschule von Rudolf Steiner in Stuttgart gegründet. Eine künstliche Intelligenz hat für mich netterweise geschätzt, dass seitdem etwa 2 bis 3 Millionen Menschen eine Waldorfschule besucht haben. 2 bis 3 Millionen Menschen, die morgens den Morgenspruch und ihre Zeugnissprüche aufsagten, die lernten, Laute mit dem Körper darzustellen, und wohl alle mal neidisch auf die sauberen Wachsmalblöckchen des Sitznachbarn waren.
2 bis 3 Millionen Menschen, die früher oder später an Parzival scheiterten. Ich meine, der Junge erfährt erst als Jugendlicher, durch Zufall, von einer Fremden, die aber eigentlich seine Tante ist, wie sein eigener Name lautet. Gut, den Namen hätte ich meinem Kind vielleicht auch verschwiegen.
Und denken wir nun alle Abiturient*innen überhaupt mit (möglicherweise 13-14 Millionen an der Zahl), so haben wir mit all diesen Menschen auch eine nicht unbedeutende Menge gemeinsam. Uns alle vereint das Streben und eine Hoffnung, mit all dem erpaukten Wissen einmal etwas anfangen zu können. Im nächsten Gedankengang würde ich dann vermutlich noch die gesamte Menschheit und deren Gemeinsamkeiten mit einbeziehen, aber das führt an diesem Morgen wohl doch etwas zu weit.
Ich will mit alledem sagen, dass es ungeheuer bereichernd sein kann, sich zuweilen auf all diejenigen zu besinnen, die vor einem den Weg geebnet haben. Das soll gar nicht zu einer Schmälerung des eigenen Tuns, sondern stattdessen zu einem Gefühl der Verbundenheit führen. Verbundenheit, die wir alle gut gebrauchen können.
Gerade jetzt, wo wir uns vor einer ungewissen Zukunft stehend wiederfinden, angesichts derer man sich nur allzu leicht verloren fühlt.
Wir stehen hier oben nicht alleine. Denn wir reihen uns ein in eine Tradition von jungen Menschen, die nicht wissen können, was sie erwartet, aber die gelernt haben, dass sie die Zukunft nicht alleine bewältigen müssen.
Danke euch allen – dafür, dass wir mehr als nur einen Klassenraum geteilt haben, und dafür, dass ihr mich gelehrt habt, was Gemeinsamkeit bedeutet.
Ich möchte gerne mit einem Zitat von Malcolm X enden: „When I becomes we, even illness becomes wellness.“ Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Da das Streben nach dem Abitur unsere Schulzeit die letzten Jahre und dieses im Besonderen geprägt hat und möglicherweise auch manchmal hat vergessen lassen, worauf es wirklich ankommt, möchte Martha noch einige Worte über diese berühmt-berüchtigte Auszeichnung an Sie wenden.
Abiturrede von Martha Lottmann
Jetzt stehen wir hier … leider nicht vollzählig, doch das soll unseren Erfolg nicht schmälern.
In letzter Zeit habe ich mir immer öfter die Frage gestellt, was das Abitur eigentlich über einen Menschen aussagt? Sicher, es bescheinigt uns, dass wir in der Lage sind, den Lehrstoff aus zwei Jahren Oberstufe zu lernen, auswendig zu lernen und in einer Prüfungssituation wiederzugeben.
Aber viel mehr sagt das Abitur eigentlich nicht über uns aus und erst recht nicht, wer wir als Menschen sind. Es sagt nicht, ob wir gute Freunde sind.
Es sagt nichts darüber, ob wir empathisch, hilfsbereit oder kreativ sind. Ob wir in der Lage sind, wirklich zuzuhören. Oder ob wir mutig waren, wenn es drauf ankam. Ich habe das, ehrlich gesagt, lange nicht verstanden.
Meine Freundin Mera hat immer gesagt: „Noten sagen nichts über einen Menschen aus.“ Damals dachte ich: „Natürlich tun sie das! Sie zeigen, ob du diszipliniert bist, ob du bereit bist, dein Bestes zu geben.“
Aber – und ich glaube, viele von euch können das nachempfinden – gerade durch die Abiturprüfungen, die für mich persönlich mit meinem allerersten grauen Haar verbunden sind, habe ich verstanden, was sie wirklich meinte.
Mera hatte recht. Noten sagen, ob man Wissen wiederholen kann. Aber sie sagen nichts darüber aus, ob man ein guter Mensch ist. Ob man Verantwortung übernehmen kann. Oder ob man mit anderen Menschen im Team arbeiten kann – was in der echten Welt mindestens, oder wohl eher, wichtiger ist als der Operator „analysieren Sie unter besonderer Berücksichtigung von …“
Wir sind nicht unsere Noten. Und egal wie gerne Menschen auch versuchen, Thematiken, Dinge und auch Menschen in Schubladen zu stecken – eines ist sicher: Wir passen nicht in Schubladen – und schon gar nicht in die Schublade unserer Abiturnote.
Wir haben hier an dieser Schule nicht nur Fachwissen gelernt – wir hatten hier auch unsere Kindheit. Und wir wurden dabei gesehen – wirklich gesehen.
Wir haben 13 Jahre Waldorfpädagogik erlebt. Und auch, wenn wir manchmal darüber geschmunzelt haben – der morgendliche Spruch, eurytmisches Namentanzen und die Monatsfeiern – sollten wir eines nicht vergessen: Wir durften hier zur Schule gehen.
Und wir wurden hier als ganze Menschen gesehen. Nicht nur als zukünftige Akademiker oder Berufstätige. Nicht nur als Leistungsträger. Sondern als Menschen mit Persönlichkeit, mit Potenzial und mit Würde.
Wir waren nicht einfach Schüler, die bei mangelnder Leistung weg degradiert wurden, sondern wir waren in den Augen der Lehrer immer Menschen mit Stärken, Unsicherheiten, Fragen und Träumen.
Ich erinnere mich an die vielleicht beste Hausaufgabe aller Zeiten – von Frau Lorenz: „Geht raus in den Schnee. Oder in die Sonne. Spielt.“ Solche Momente gab es viele an unserer Schule – und sie zeigen, was das Besondere an dieser Waldorfschule ist.
Es waren nicht nur die Epochenhefte, nicht nur der Künstlerische Abschluss oder die diversen Theaterstücke. Es waren die Lehrerinnen und Lehrer, die sich für uns interessiert haben – nicht nur für das, was wir wussten, sondern für das, was wir sind. Allen voran Frau Ammerbacher. Ich glaube, es gibt kaum jemanden hier an dieser Schule, der so viel Verständnis für uns Schüler aufgebracht hat. Vielen Dank dafür – im Namen unseres ganzen Jahrgangs. Heute schließen wir dieses Kapitel ab.
Aber unser Wert – das, was wir mitnehmen – misst sich nicht in Punkten. Sondern in der Art, wie wir miteinander umgehen. Wie wir in Zukunft Verantwortung übernehmen.
Und wie wir uns selbst und andere sehen – nicht durch die Brille der Leistung, sondern mit dem Herzen eines echten Menschen. Ich danke euch allen – und ich wünsche uns allen, dass wir genau das nicht vergessen, wenn wir unsere Zeugnisse in der Hand halten: Wir sind mehr als eine Note. Und wir sind bereit für das, was kommt. Danke.

